Vor 20 Jahren: Die Ausgrabung von Alt-Wasserburg

„Die Burg“

Der Begriff „Burg Wasserburg“ darf keineswegs nur auf den heutigen Schloss-Komplex auf der Halbinsel bezogen werden. Schon seit frühester Zeit umschloss die „Burg“ alle Gebäudeteile innerhalb der alten Insel-Festung.

Auf der Halbinsel Wasserburg (seit 1720) standen neben Schloss, Amtshaus und Malhaus die alles überragende Sankt-Georgs-Kirche, das Benefiziatenhaus, der Pfarrhof und die alte „Krone“ mit der später hinzugefügten „Dependance“ (Bettenhaus).

Die Ökonomiegebäude des Pfarrhofs wurden im vorigen Jahrhundert abgerissen.

Anstelle der alten Taverne „Zur Krone“ wurde 1978 das „Haus des Gastes“ errichtet. Als beim Bau des Pfarrheimes Sankt Georg 1992/93 die alten Festungsmauern wieder sichtbar wurden, untersuchte man das Abrissgelände archäologisch und wertete später die Daten aus. Die Mauern wurden saniert, der Pfarrheimneubau „aus der Baulücke gedreht“.

Die gesicherten archäologischen Funde sind inzwischen wissenschaftlich aufgearbeitet und vor allem die Keramik einzelnen Zeitfenstern zugeordnet. Die Wasserburger Chronik stützt sich auf zahlreiche frühe Urkunden. Die Bestätigung der schriftlichen Zeugnisse durch archäologische Funde und Befunde ist über weite Strecken sehr erfreulich, wenngleich die Zeit vor 784 und zwischen 900 und 1200 nur sehr spärlich belegt ist.

Der Mauerfund

Beim Abriss des ehemaligen Krone-Nebengebäudes nördlich vom Haus des Gastes auf der Wasserburger Halbinsel wurden am 2. Dezember 1992 im Kellerbereich mächtige mittelalterliche Mauerzüge entdeckt. Wie sich später herausstellte, hatte man schon beim Neubau des Krone-Nebengebäudes in den Jahren 1910/11 auf eine vollständige Unterkellerung verzichtet, weil damals ein Abbruch der gewaltigen Mauern wohl zu aufwendig gewesen wäre.

Chronologie der wichtigsten Ereignisse im Zusam­menhang mit dem Wasserburger Bodenfund (Auszug)

2. Dezember 1992
Anton Seitz und Dieter Bosch beobachten die Baggerarbeiten beim Abbruch des Krone-Nebengebäudes und bemerken die wuchtigen Fundamente einer alten Mauer. Anton Seitz informiert das Bauamt, den Ortsheimatpfleger und den Museumsleiter.
Die Gemeinde Wasserburg veranlasst die vorläufige Einstellung der Abbrucharbeiten.

8. Dezember 1992
Kreisheimatpfleger Werner Dobras informiert Museumsleiter Fridolin Altweck über die ablehnende Haltung des Landesdenkmalamtes, begründet durch finanzielle Engpässe. Der Vorsitzende des Kreisheimattages Georg Rehm informiert sich über den Wasserburger Bodenfund und schlägt die Einschaltung der Stadtarchäologie Kempten vor.
Der Bauausschuss des Gemeinderates von Wasserburg befasst sich mit dem Mauerfund.

10. Dezember 1992
Franz Thorbecke fertigt im Auftrag der Gemeinde Wasserburg erste Luftbilder des Areals; das Baugelände wird eingezäunt.

15. Dezember 1992
Dr. Weiß vom Landesdenkmalamt in München kommt nach Wasserburg und verweist auf die Zuständigkeit der Abteilung Bodendenkmalpflege des bayerischen Denkmalamtes.

18. Dezember 1992
Außenbereiche der großen Mauer werden durch Baggereinsatz freigelegt; anstehende Schlammmassen im Untergrund belegen die Funktion als Seemauer.

2. Januar 1993
Dietfried Kraus, Anton Seitz, Christian und Bernhard Schorer und Fridolin Altweck legen mit Baggerunterstützung weitere Mauerzüge frei.

9. Januar 1993
Außerordentliche Sitzung des Gemeinderates, der sich einstimmig für den Erhalt der Mauer ausspricht.

19. Januar 1993
Der Süd-West-Funk nimmt eine Kurzreportage über den Bodenfund von Wasserburg auf.
Lokaltermin des Gemeinderates auf der Halbinsel; das Architektenpaar Maier, Kreisbaumeister Ditmar, Pfarrer Grabs und der Gemeinderat beraten über den künftigen Standort des Pfarrheims. Das Kriegerdenkmal soll versetzt werden.

15. Februar 1993
Der Aushub für den Pfarrheimneubau außerhalb des Ausgrabungsareals beginnt.

25. März 1993
Bei Ausschachtungsarbeiten werden 34 tief eingebettete Eichenpfosten einer ehemaligen Uferbefestigung gefunden.

29. März 1993
Dr. Czysz kommt mit drei Archäologiestudenten nach Wasserburg. Der Ausgrabungsbereich wird vermessen, ebenso die Eichenpfosten, die inzwischen von Dietfried Kraus und Franz Heller freigelegt worden sind. Drei Pfähle werden für das Museum geborgen.

15. April 1993
Ein Isnyer Silberpfennig (1508) wird gefunden.

6. Mai 1993
Die mittelalterliche Abwasserleitung wird vollständig freigelegt.

13. Mai 1993
Ein Armbrustbolzen wird gefunden.

14. Mai 1993
Interessante Keramikfunde im Bereich des Abwassergrabens; Abschluss der wissenschaftlichen Grabungsarbeiten durch das Landesamt für Denkmalpflege.

27. September 1993 bis 1. Oktober 1993
Der Anschluss zur ehemaligen Festungsmauer unter der Terrasse des Haus des Gastes wird zur Einbindung in das Sanierungsprojekt erneut freigelegt. Der bisher nicht untersuchte nordwestliche Denkmalbereich kann nun nach Entfernung des Baukranes und der Latrine ausgegraben werden.

4. Oktober 1993 bis 8. Oktober 1993
Unter der Regie von Dietfried Kraus wird das Dreieck zwischen Pfarrheim-Neubau und Schloss vollständig ausgegraben. Dabei treten wichtige Funde, wie ein Türschloss mit Schlüssel, Becherkachelfragmente, Gebrauchskeramik, Pfeilspitzen und eine gut erhaltene Kachel mit einer allegorischen Figur zutage.

3. November 1993
Die Mauerzüge der Ausgrabung werden von Mitgliedern des Museumsvereins winterfest eingepackt. 200 Meter Baufolie werden von der Firma Kiefer in Nonnenhorn gestiftet, das Holzgerüst von der Firma Rechtsteiner in Wasserburg zur Verfügung gestellt.

23. Januar 1994
Dem Verein Museum im Malhaus wird für seinen Einsatz zum Erhalt des Bodendenkmales auf der Wasserburger Halbinsel der Dorfpreis 1993 der Gemeinde Wasserburg zuerkannt.

7. Juni 1994
Dr. Czysz besichtigt den Stand der Sanierungsmaßnahmen auf der Halbinsel und nimmt mit der Museumsleitung Kontakt auf wegen einer geplanten archäologischen Ausstellung in Wasserburg.

26. Juni 1994
Feierliche Eröffnung der Doppelausstellung „Musikleben in Wasserburg - Ausgrabungen von Alt-Waserburg " im Museum im Malhaus.

Archäologische Ergebnisse der Ausgrabung

Unter Leitung von Herrn Dr. Wolfgang Czych wurde in der Zeit vom 29. März 1993 bis 14. Mai 1993 zur Untersuchung der ca. 500 m2 großen Fläche eine sog. Rettungsgrabung durchgeführt. Die Archäologen legten zwei großflächige Schnitte in WO- und NS-Richtung. Da­bei war dank der geringen Störungen eine klare Schich­tentrennung möglich, um eine spätere Datierung schon im Vorfeld sicherstellen zu können. „Planum“ für „Planum“, so nennt man die oft nur we­nige Zentimeter mächtigen Schichten, wurde abgetra­gen, vermessen, gezeichnet und fotografiert. Alle mit großer Sorgfalt geborgenen Funde wurden gesichert, kar­tiert und katalogisiert.

Die erste, eindeutig identifizierbare Schicht unter dem Bau­schutt war eine Brandschicht von ca. 6 cm Stärke. Da der darun­ter liegende Lehmestrich, der eine Dicke von ca. 10 cm aufwies, keine Strukturveränderung, wie Brandrötung oder Sinterung, zeigte, ist anzunehmen, dass die Brandschicht an einem anderen Ort entstanden war, vermutlich im Westflügel des Wasserburger Schlosses, der im Frühjahr 1750 fast vollständig abgebrannt ist. Der Lehmestrich lag auf einem sehr sorgfältig hergestellten künst­lichen Fundament aus gleichmäßig gekörntem Ziegelbruch, der wiederum in einem ca. 20 cm mächtigen Mörtelbett lag. Unter dieser Ziegelschicht fand man eine an manchen Stellen bis zu 18 cm starke, homogene Brandschicht, in der noch an mehreren Stellen verkohlte Balkenteile auszumachen waren. Eine nach der C14-Methode durchgeführte Untersuchung dieser Brand­reste konnte den urkundlich überlieferten verheerenden Brand von 1358, bei dem die ganze schellenbergische Festung Wasserburg vom Städtebund am See dem Erdboden gleichgemacht worden war, exakt bestätigen.

Unter dieser tiefer liegenden, mächtigeren Brandschicht, war in allen Bereichen der Grabung eine ausgehärtete Kalkschicht zu finden, vor allem dort, wo die Stratigraphie nicht durch spätere Überbauungen gestört worden war. Im östlichen Bereich der Grabung trat unter der Kalkschicht eine weitere Brandschicht auf, während in allen anderen untersuchten Bereichen die Kalk­schicht direkt auf dem Seekies auflag.

Eine wesentliche Entdeckung scheint ein von NW nach SO, das Geviert quer durchlaufender, fast vollständig erhaltener mittel­alterlicher Wassergraben zu sein. Allerdings wurden bei seiner Herstellung die tiefer liegenden Schichten, insbesondere die Kalkschicht, gestört. Die ausgeprägten Vertiefungen in den Flächen der untersten Kalkfundamente deuten auf die Auf­nahme von starken Holzpfosten eines Gebäudes hin. Ein Ver­gleich mit frühmittelalterlichen Grubenhäusern bietet sich an dieser Stelle an.

Drei Säulenfundamente in gleichem Abstand und auf gleicher Achse in etwa parallel zur Seemauer und unmittelbar auf dem Seekies errichtet, können derzeit mit den anderen Gebäude­resten in keinen zwingenden Zusammenhang gebracht werden. Allerdings ist ihre Datierung in eine Zeit vor dem urkundlich überlieferten schellenbergischen Festungsbau anno 1280 fest anzunehmen.

Einige wertvolle und seltene Funde auf dem Grund der Grabung im Seekies, lassen den Schluss zu, dass die Insel Wasserburg schon in vorgeschichtlicher Zeit von Menschen begangen war.

Die urkundlich genannten verheerenden Brände im Bereich der Festung Wasserburg in den Jahren 1358 und 1750 sind somit durch die Untersuchung und Datierung der Brandschichten ein­deutig nachgewiesen. Die am tiefsten liegende Brandschicht am Ostrand der Festungsmauer gibt neuen Vermutungen Nahrung, dass die Ungarn zwischen 925 und 955 vielleicht doch einen Angriff mit Feuer und Schwert auf die Sankt Gallener Kloster­festung Wasserburg gewagt haben, der aber möglicherweise trotz eines Brandes auf der Vorburg abgewehrt werden konnte. Die im Zuge der Ausgrabung gefundenen und durch den Pfarr­heimneubau überbauten Eichenpfähle haben wohl vor der Festungsmauer die Passage zwischen Festland und Insel be­grenzt. Eine vom Landesamt für Denkmalpflege veranlasste, dendrochronologische Untersuchung lieferte ein interessantes Resultat: Die Hafenanlage stammt aus der Zeit um die erste Jahrtausendwende. Die Keramikfunde im Bereich der Wasserburger Ausgrabung repräsentieren neben der typischen Gebrauchs-keramik der Re­gion Oberschwaben im Mittelalter eine Kulturgeschichte des Kachelofens von der Jahrtausendwende bis zur Barockzeit und decken sich im wesentlichen mit den typischen Funden in den Altstädten von Konstanz und Ravensburg.

Eine erfreuliche Entdeckung ist die einzige im gesamten Gra­bungsbereich gefundene Silbermünze, die im Jahre 1508 in Isny geschlagen wurde. Sie erlaubt in Verbindung mit weiteren Auf­schlussfunden im selben Planum und detaillierten historischen Aufzeichnungen die absolute Datierung ihrer Fund­schicht.

Ausgrabungsergebnisse im Malhaus

Die Sonderausstellung im Malhaus wurde so konzipiert, dass der interessierte Besucher ohne spezielle Vorinformationen, allein durch die Betrachtung der Gegenstände in den Vitrinen einen hinreichenden Überblick über die Ergebnisse der Ausgrabung erhalten kann. Demzufolge ergibt sich eine einfache Gliederung in vier Komplexe.

Die besonderen Funde aus vorchristlicher Zeit stehen am Be­ginn der kleinen Schau. Eine große Vitrine ist der Kulturgeschichte des Kachelofens vorbehalten. Hier sind spätromanische Becherkacheln ebenso zu finden wie figurale Darstellungen auf Flachkacheln oder die Fuggerlilien einer ehemaligen Ofenbekränzung.

In der Vitrine mit Gebrauchskeramik sind besonders die Reste reduziert gebrannter Grappentöpfe, glasierte und unglasierte Scherben, und vor allem eine von Dietfried Kraus zusammengesetzte Amphore zu bewundern.

Ein Teil der Metallfunde konnte aus den Mitteln des Wasserburger Dorfpreises für die Ausstellung im Malhaus restauriert werden: Messerklingen, Nägel, Schloss, Truhengriff, Sporenräder, Armbrustbolzen, Taschenbügel und Gürtelschließe. Die Ausstellung wird ergänzt durch verschiedene Darstellungen der alten Inselfestung Wasserburg und wissen-schaftliches Informationsmaterial über Keramik und Ofenbau im Mittelalter. Die kleine Informationsschau wird abgerundet durch die drei wuchtigen Eichenpfosten aus der ehemaligen Hafenbefestigung.

Einbindung in das Gebäudeensemble auf der Halbinsel

Das Bodendenkmal auf der Wasserburger Halbinsel wurde im Frühjahr 1994 im Auftrag der Gemeinde Wasserburg vollständig saniert und konserviert. Das Niveau der im Inneren des Gevierts liegenden Grünfläche wurde über das mittlere Hochwasserniveau angehoben. Damit sind wertvolle Elemente des Bodendenkmals, wie beispielsweise der frühmittelalterliche Kalkestrich des Grubenhausbodens, der Rest einer Ofenanlage, der spätmittelalterliche Wassergraben, Reste von verbrannten Balken und die ursprünglichen Säulenfundamente wieder in den Schutz dichter Bodenschichten zurückgekehrt und können so für künftige Generationen bewahrt werden. Das restaurierte Bodendenkmal fügt sich harmonisch zwischen die Baukörper des neuen Pfarrheims, des Haus des Gastes und des alten Wasserburger Schlosses ein und gibt dem Besucher einen Eindruck von der einstigen Größe und Bedeutung der Inselfestung am nördlichen Bodensee.

Fridolin Altweck, Ortsheimatpfleger